Man wearing The Refined collection in front of the Guggenheim Bilbao Museum Man wearing The Refined collection in front of the Guggenheim Bilbao Museum

Interview mit Aitor Ortiz

Wie Architektur, Design und lokale Kultur seine Vision beeinflussen und neue Perspektiven eröffnen.

„Im Wesentlichen geht es bei meiner Arbeit darum, zu sehen, was andere nicht sehen.“

Aitor Ortiz, Fotograf und gebürtig aus Bilbao

Aitor Ortiz bei der Arbeit
Aitor Ortiz, Fotograf und gebürtig aus Bilbao
Die charakteristische Architektur von Ortiz

Aitor Ortiz (geb. 1971 in Bilbao) ist ein international gefeierter Fotograf. In seinen Arbeiten setzt er sich mit Raum, Architektur und Materialität auseinander. Bekannt wurde er mit seiner eindrucksvollen Dokumentation des Guggenheim Bilbao Museums – ein Projekt, das seine künstlerische Handschrift prägte und zugleich den Wandel seiner Heimatstadt begleitete. Heute werden seine Werke weltweit ausgestellt, bleiben aber in Haltung und Ästhetik tief mit dem industriellen und architektonischen Erbe Bilbaos verbunden.

Das Guggenheim Bilbao Museum wird oft als Auslöser des sogenannten „Bilbao-Effekts“ beschrieben. Eine städtische Transformation geprägt durch Architektur und Kunst. Was bedeutet dieser Wandel für Sie persönlich?

Die Dokumentation des Guggenheim-Baus zwischen 1995 und 1998 hat mich sehr geprägt. Sie schärfte meinen Blick für Architektur – und veränderte dauerhaft meine fotografische Sprache. Für Bilbao war das Museum ein Wendepunkt. Ein Projekt, das Weitsicht und Mut verlangte – und genau zur richtigen Zeit kam. Frank Gehrys Entwurf wurde schnell zu einer Ikone moderner Architektur. Und er half, einen neuen Geist zu entfachen. In einer Stadt, die unter dem industriellen Niedergang der 1980er Jahre litt, war es auch ein mentaler Aufbruch, den zuvor nur wenige für möglich hielten. Das Projekt öffnete Bilbao zur Welt und zur Kultur. Doch bei aller Strahlkraft des Guggenheim Bilbao Museum, darf man nicht vergessen, dass sein Erfolg tief in der industriellen und sozialen Geschichte der Stadt verwurzelt ist. Dieser Hintergrund ermöglichte es, die technischen Herausforderungen des Baus zu bewältigen und die künstlerische Vision der Guggenheim-Stiftung in bemerkenswert kurzer Zeit Wirklichkeit werden zu lassen.

Können Architektur und Design dazu beitragen, wie sich eine Stadt selbst versteht – und wie ihre Bewohner sie erleben?

Absolut. Qualitativ hochwertige Architektur und Design beeinflussen und verbessern unsere Lebensqualität maßgeblich, während sie gleichzeitig eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der kulturellen Identität eines Ortes spielen. Entscheidend ist dabei der sensible Umgang mit Geschichte – mit dem materiellen wie immateriellen Erbe. Es geht darum, auf Bestehendem aufzubauen, ohne es zu verformen.

Sie sind in Bilbao aufgewachsen und mit der Stadt stark verwurzelt, Ihre Arbeiten werden weltweit ausgestellt. Inwiefern prägt Ihr lokales Erbe Ihren fotografischen Blick – auch im internationalen Kontext?

In den 1990er- und 2000er-Jahren arbeitete ich an Projekten, die Bilbaos städtischen Wandel dokumentierten – und wurde dabei stiller Zeuge des Verschwindens jener „emotionalen Landschaft“, die die Stadt einst so besonders machte. Einerseits verspürte ich einen intensiven Drang, zu erkunden und zu lernen. Andererseits erlebte ich, wie kulturelle und ästhetische Bezugspunkte nach und nach ausgelöscht wurden. Diese Spannung zwischen Erkenntnisgewinn und Verlust hat mein Sehen und mein fotografisches Schaffen sehr stark beeinflusst. Es brachte mich dazu, mich intensiv damit auseinanderzusetzen, wie Bilder entstehen und wie Raum wahrgenommen wird – und dabei das Zusammenspiel von Materialität, Volumen, Opazität und Transparenz, Maßstab, Modularität, Perspektive, Sequenz, Rhythmus und Erinnerung zu erforschen. Frei übersetzt nach einem Zitat des Pädagogen und Philosophen Paulo Freire: „Unser Denken folgt dem Weg, den unsere Füße gehen.“ Wer sich also tiefgründig mit dem Lokalen beschäftigt, schafft Bilder, die universell wirken.


Guggenheim Bilbao Museum
Guggenheim Bilbao Museum

Was steckt hinter dem Bilbao-Effekt?Wie spektakuläre Architekturprojekte Städte nachhaltig verändern können – kulturell, ökonomisch und städtebaulich. Frank Gehrys markantes Design verwandelte eine verblassende Industriestadt in ein weltbekanntes Kulturreiseziel. Der Tourismus boomte, die Wirtschaft wuchs, und Bilbao erhielt eine neue, selbstbewusste Identität. Natürlich war Bilbaos Erfolg Teil einer größeren Stadterneuerungsstrategie – doch das Museum wurde zu einem prägenden Symbol.

Die Titanfassade des Guggenheim Bilbao Museums ist bekannt für ihr lebendiges Zusammenspiel mit Licht – sie wirkt beweglich, fast emotional. Wie gelingt es Ihnen, diesen ständig wechselnden Charakter, das flüchtige Spiel aus Reflexion und Farbe, in einem einzigen Bild einzufangen?

Diese geschwungenen Formen sind einzigartig. Jede einzelne entwickelte und veränderte sich im Laufe des Bauprozesses. Der Architekturkomplex besteht aus mehreren miteinander verbundenen Gebäuden, die sich um ein zentrales Atrium gruppieren. Über zwei Jahre hin weg kehrte ich immer wieder auf die Baustelle zurück. Und kein Besuch glich dem anderen. Elemente verschoben sich, das Licht veränderte sich mit der Tageszeit, die Oberflächen reagierten auf ihre Umgebung. Aus logistischer Sicht war es chaotisch. Aus kreativer Sicht war es ein Geschenk. Denn keine Szene wiederholte sich. Als das Titan das Gebäude nach und nach umhüllte, begann das Museum zum Leben zu erwachen – es wechselte die Farbe, verschmolz mit seiner Umgebung und erzeugte Reflexionen und intensive Lichtakzente. In der Dämmerung spiegelte das Museum das Licht der Umgebung wider. Ich erinnere mich an Versuche, die gemacht wurden, das Gebäude nachts direkt zu beleuchten – sie blieben erfolglos. Ich war erleichtert. Denn so sehr eine direkte Beleuchtung das Gebäude auch stärker in Szene gesetzt hätte – sie hätte die besondere Qualität des Titans zunichtegemacht: das Spiel aus weichen, verschmelzenden Reflexionen, mit denen das Museum das Licht der Stadt spiegelt.

Wie lässt sich in Architektur und Fotografie das Gleichgewicht zwischen innovativem Design und zeitloser Ästhetik finden?

Der Schlüssel liegt darin, Design nicht zu einer Übung bloßen Ausdrucks verkommen zu lassen, sondern es mit Bedeutung und Kontext zu füllen. Design sollte auf Werten aufbauen, die über Jahrhunderte hinweg in allen Disziplinen kultiviert und verfeinert wurden. Werte, die sich zwar immer weiterentwickelt haben, aber dennoch Bestand haben, weil sie funktionieren: Proportion, Maßstäbe, Materialeinsatz und ein tiefes Verständnis architektonischer wie visueller Kultur. Sowohl in der Architektur als auch in der Fotografie hat sich die Technologie bemerkenswert weiterentwickelt. Es ist aber wichtig, sie mit Strenge und historischem Bewusstsein anzuwenden, unabhängig von Trends. Wenn ein Bild seinen Zweck erfüllt, dann deshalb, weil der Schöpfer es mit Sinn fürs Detail gemacht hat. Das Ergebnis ist ein Werk, dem nichts hinzuzufügen ist.

Abseits Ihrer fotografischen Arbeit – welche zukunftsweisenden Ideen leiten Sie, und wie fließen sie in Ihren kreativen Prozess ein?

Im Wesentlichen geht es in meiner Arbeit darum, zu sehen, was andere nicht sehen. Es geht darum, Fragmente der Welt auszuwählen, sie durch Wahrnehmung, Erfahrung und kulturelle Identität zu filtern und ihnen in einem neuen Kontext Bedeutung zu verleihen. Fotografie erfordert ein Bewusstsein für die eigene Perspektive. Die Kamera mag ein neutrales Werkzeug sein – das Auge dahinter ist es nie. Bevor ein Bild entsteht, sollten wir uns darüber Gedanken machen, wie und warum wir es aufnehmen.